Einträge tagged ‘Schmerz

14
Okt
09

Der Clown

Wenn man ihn so sieht, dann muss man unbewusst schmunzeln. Mit seinem drolligen Gang, den riesigen Schuhen und dem geschminkten, immer fröhlichen Gesicht. Der Clown. Er ist da, um uns Freuden zu bereiten, uns zum Lachen zu bringen und uns die Freizeit möglichst kurzweilig zu gestalten. Es gab ihn schon früher, den sogenannten Hofnarren. Auch er war zur Belustigung der Hofleute da. Brauchte man ihn nicht mehr wurde er hingerichtet. Machte er seine Witze nicht mehr nach dem Geschmack des Königs, wurde er entfernt. So leicht geht das mit dem heutigen Clown natürlich nicht, dennoch ist seine Person meist eher tragisch als komisch. Macht sich jemals irgendjemand die Mühe, hinter seine Maske zu sehen? Interessiert es irgendjemanden, ob der Clown hinter seiner Maske auch lächelt? Schminke und Kostüm gehören unzertrennlich zu der Grenze, die er um sich zieht mit seinen Auftritten, die immerzu fröhlich und heiter sind. Wie es im Inneren dieser Grenze aussieht, das will doch niemand wissen.

Die Maske dient ihm zum Schutze, vor seiner Umwelt. Weil eben niemand wissen möchte, ob es ihm sonst schlecht geht, wenn er mal nicht in einer Show auftritt. Sein unbehelligtes Auftreten, seine aufgeschminkte gute Laune – alles nur Fassade vor einem tief sitzenden Schmerz. Doch dieser Schmerz wird bleiben, solange niemand versucht, hinter die Maske zu sehen.

Wage einen Blick und du wirst überrascht sein.

13
Okt
09

“Danke”

Ich sah sie dort sitzen, auf der Bank, ganz allein. Sie sah recht traurig aus, wie sie da so saß – wahrscheinlich war sie einsam. Es ist schon erschütternd, wenn man sich vorstellt, wie viele Menschen es gibt, die sich einsam fühlen. Also beschloss ich, mich zu ihr zu setzen, sie vielleicht anzusprechen, mal sehen. Doch als ich näher kam, sah ich, dass sie weinte. Ganz leise und nur ein wenig. Eine einzelne Träne glitt ihr klar wie ein Kristall über die Wange und verlor sich schließlich, als sie den Hals erreichte. Ich setzte mich zu ihr, entschlossen, sie anzusprechen. Sie hatte mich wohl gehört, denn sie hob langsam ihren Kopf und sah mich aus diesen dunklen, warmen Augen an, die so voller Trauer waren, dass sie an Schmerz zu zerbrechen drohten. Ich erwiderte den Blick und es kam mir so vor, als würde ich in diesem Moment in einen Spiegel ihrer Seele blicken. Einen unendlich langen Moment waren wir uns so gegenüber, bis sie schließlich verlegen lächelte – ein Lächeln, dass unter all der Trauer nicht ganz gelingen wollte – und strich sich ihre langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht. Dann sah sie wieder zu Boden, vielleicht um ihr Gesicht zu verbergen, vielleicht wollte sie aber auch einfach alleine sein. Ich wusste es nicht, trotzdem setzte ich mich zu ihr. Schweigend saßen wir dort, nun zu zweit. Nach einer Weile sah sie noch einmal zu mir auf. Das Lächeln, welches nun auf ihrem Gesicht lag, war zwar immer noch ein wenig traurig, doch nicht mehr so voll von Schmerz. Und es war ehrlich. Sie sagte leise „Danke“ und sah mich noch einen kurzen Moment an, bevor sie schließlich aufstand und ging. Und auch ich fühlte mich nun auf eine unbeschreibliche Weise besser.

08
Okt
09

Ist es Hoffnung, die wir brauchen?

Sie lacht. Ein helles, klingendes Lachen. Warum ist sie immer so fröhlich? Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich sie noch nie traurig gesehen habe. Warum kann ich nicht froh sein? Warum lache ich nur, wenn anderen Leid geschieht? Wie kommt es, dass selbst mit dieser fröhlichen Person in meiner Nähe diese schwarze Wolke meine Stimmung drückt? Was war es, was meine Gedanken immer wieder in diese eine Richtung lenkte? Die Richtung, die Gedanken nicht einschlagen sollten?

Sie lächelt und streicht mir sanft mit der Hand über die Wange. Eine zärtliche Berührung, lieb gemeint, ein Zeichen der Zuneigung, welche in diesem Moment jedoch brennt wie Feuer. Ich zucke zurück. Sie zieht ihre Hand weg und sieht mich verwirrt an.

“‘tschuldige”, flüstere ich. “Es – ist nicht wegen dir…”

Ich spüre eine Träne, wie sie leicht über mein Gesicht läuft. Sie wischt sie weg. Und sie lächelt. Und dann, völlig unerwartet, lacht sie wieder.

“Wieso lachst du?”

“Du freust mich!” Sie lächelt, doch wird wieder ernst. “Und um dich aufzuheitern.”

Ich fange an leise zu lächeln. Ich kann es noch. Und mit dem Lächeln kommt die Hoffnung. Hoffnung, aus diesem verdammten Teufelskreis auszubrechen, in dem ich gefangen bin. Mich selbst gefangen halte. Ausbrechen, mit ihr.

Wir sehen uns in die Augen. Einen kurzen Moment, der mir so ewig vorkommt, sehen wir uns an. Und dann kommt der Schmerz. Er zerstört die Hoffnung. Und mit ihm kommt Leid, Dunkelheit, Ohnmacht.

Das Erwachen ist grausam. Keine Schmerzen, nur Leere. Keine Gefühle, nur Schwäche. Keine Sinne. Nur Gedanken. Gedanken, aus denen früher oder später wieder Depressionen entstehen würden. Gedanken, die einen um die Vernunft bringen. Gedanken, die niemand je haben sollte. Meine Gedanken.

Viele nennen mich ein Wrack. Zerlöchert und kaputt. Manche haben Mitleid. Sie nennt mich interessant und unwiderstehlich. Doch sie liegen falsch. Alle. Denn tatsächlich bin ich nur gezeichnet. Gezeichnet von den Umständen.

Ich kämpfe wieder. Kämpfe mit der Ohnmacht, dem großen, schwarzen Sog, der mich unerbittlich anzieht. Ich kämpfe mit dem Tod. Wie lange werde ich noch die Kraft dazu haben? Wie lange werde ich mich noch festhalten und wieder hochziehen können? Ich kann es nicht sagen. Ich kann nicht sehen. Nur verschwommen. Langsam denke ich klarer, die Gefühle kehren zurück, der Schmerz. Egal. Was ist mit ihr geschehen? Wo ist sie? Warum ist sie nicht bei mir? Geht es ihr gut? Ich muss sie sehen.

Sie geht nicht ran. Und sie wird es auch nie. Das monotone Tuten des Telefons lässt meine Gedanken abschweifen. Ich habe eine weitere meiner Ohnmachten überstanden. Doch sie hat sich nicht mehr gemeldet. Geht nicht ans Telefon. Sie ist aus meinem Leben verschwunden. Wie sie es alle tun. Ich bin wieder allein.

Dann ihre Stimme. Sie sagt es tut ihr Leid, sie würde mich gern sehen. Ich glaube ihr. Vielleicht ist sie doch anders, als die anderen – und doch so gleich. Also werde ich sie treffen. Werde wieder einmal einen Versuch unternehmen. Einen Versuch, aus meiner eigenen, grausamen Welt, in der ich mich selber fest halte, auszubrechen. Und ich werde es nie schaffen. Und sie – wird das nie verstehen. Doch wenn man an seinem Leben nichts mehr findet, hält einen nichts.

Viele sagen, der Schmerz ist eine Art Blitzableiter. Man lässt seine Aggressionen heraus. Schwachsinn. Wenn die Klinge, glänzend und scharf, langsam ins Fleisch eindringt und dabei die Nerven zum zerreißen bringt, ist das vielmehr ein Beweis – der Beweis, dass man in dieser Welt noch besteht. Wenn auch nur als Wrack.

Ich versuche es ihr zu erklären. Sie fängt an zu weinen.

“Warum weinst du?”

“Es ist so traurig, wie kaputt das Leben einen so wunderbaren Menschen machen kann.”

Sie sagt, ich sei wunderbar. Und wieder beginne ich zu hoffen. Und dann weine auch ich. Sie nimmt mich in den Arm, legt meinen Kopf an ihre Brust. Es tut gut. Es tut gut, wenn man wieder anfängt, zu empfinden.

“Was war es? Was hat dich so traurig gemacht?”

Ich kann es ihr nicht sagen. Zu grausam. Zu verletzend. Vielleicht auch zu intim. Und da kommen sie wieder. Gedanken, die ich nicht haben will. An die ich jetzt wieder denken muss.

“Ich kann es dir nicht sagen.”

“Du willst nicht. Aber ich will dir helfen. Du musst ausbrechen. Sonst gehst du ein.”

Eingegangen, das war ich schon. Ein Wrack eben, also doch. Doch vielleicht kann sie mir wirklich helfen. Sie legt mir ihren Arm um die Schulter und sieht mich von der Seite an, ohne dass ich irgendetwas empfinde. Ich sehe sie an. Und da fängt sie wieder an zu weinen.

Ich habe Angst. Und ich sage es ihr. Ich habe Angst davor, dass sie mich lieben könnte, Angst vor den Folgen. Es könnte mein Tod sein. Oder meine Rettung. Doch der Weg dorthin wäre zu schmerzlich. Nicht zu ertragen.

Sie sagt, sie hätte auch Angst. Davor, dass ich sie nicht lieben könnte. Ironie des Lebens.

Doch meine Hoffnung steigt. Vielleicht kann ich mit ihr tatsächlich aus meiner Welt, aus mir, ausbrechen.

Und wir gehen. Gemeinsam. Diesmal ohne Ohnmacht. Vielleicht ein Fortschritt. Vielleicht kommt sie auch noch.

Sie blieb aus. Doch ich bin wieder allein. Sie hat keine Zeit, hat sie gesagt. Geht shoppen. Shoppen. Eine Eigenheit der Frauen, die ich nie verstehen werde. Wie kann man Spaß daran haben, sich in eine Masse aus Armen und Beinen, in den Gestank von Schweiß zu stürzen? Wie kann man überhaupt Spaß haben? Am Leben? Ich habe es vergessen.

Ich rufe sie an. Sie geht ran. Doch das Telefonat hat nicht die gewünschte Stimmung. Wir sind gereizt, sagen nicht viel. Und so bleibt dieses Telefonat zurück wie der schlechte Nachgeschmack eines Essens. Oder der einer Ohnmacht. Die folgenden Stunden sind noch schlimmer als die davor. Ständig drängt sie sich in meine Gedanken. Alles was ich mache wird von ihr begleitet. Also rufe ich sie nochmal an. Sage ihr, ich will sie sehen. Doch sie hat wieder keine Zeit. Will sie es nicht? Was ist los mit ihr? Doch es bleibt dabei. Langsam sinke ich zurück, enttäuscht, traurig. Alles was bleibt ist die Frage: wieso tut sie das?

Doch wir sehen uns wieder. Und wieder fragt sie. Wie so oft. Doch wie soll ich es ihr sagen? Wie kann ich es ihr sagen? Wie kann ich, wenn ich es selbst nicht weiß? Ich kenne den Grund nicht. Und ich will ihn nicht kennen. Wieder leben, das will ich. Ausbrechen, aus mir, es endlich schaffen. Mit ihr. Durch sie.

Ich sage es ihr nicht. Ich kann es nicht. Sie schaut mich an. Tief in die Augen schaut sie mir, als ob sie etwas sucht. Wird sie es finden? Wird sie den Grund finden?

Und wieder sind sie da. Die Gedanken. Die Gedanken an die Umstände. Doch sie sind es nicht. Weder die Gedanken, noch die Umstände. Sie sind nicht der Grund. Nur der Auslöser.

“Gehn wir schwimmen?” Sie reißt mich aus meinen Gedanken, zurück in die Wirklichkeit.

“Schwimmen??”

Sie schaut mich traurig an. “Du musst stark bleiben.” Dann lächelt sie wieder. Und küsst mich. Ganz sanft ist die Berührung. Und wider Erwarten brennt sie nicht. Sie tut gut. Sie macht die Glut meiner Hoffnung zu einer kleinen Flamme. Wie so oft.

Ist es das? Ist es Liebe, die ich brauche? Kann ein Wrack fühlen? Braucht ein gefühlsloser Mensch Liebe? Wofür? Wenn man unempfindlich gegenüber Gefühlen ist, kann dann die Liebe diese Schranke brechen? Oder ist sie selbst nur ein Gefühl? Brauche ich Liebe? Oder den Tod?

Ich denke darüber nach, doch diesmal sind es nicht die Gedanken, die mich festhalten. Ich halte die Gedanken fest. Denn sie sind anders. Heller. Diesmal kein Schmerz. Kein Leid. Kein Trübsal. Einfach nur Gedanken.

Doch es nutzt nichts. Kaum bin ich allein, kommen sie wieder. Gedanken, die nicht einfach nur Gedanken sind. Sie ist wieder weg und mit der Langeweile kommen sie wieder aus ihren Verstecken. Was bedeutet Leben? Ist es ein Scherz, den Gott sich erlaubt hat, um Menschen zu quälen, nur weil er Sadist ist? Oder hat das Leben tatsächlich einen Sinn? Ist die Seele eines Menschen nicht einfach so in einen Körper gesperrt? Doch wozu, wenn nicht, um ihr Schmerz beizubringen?

All das geht in meinem Kopf um. Und es wird nie enden. Die Erkenntnis hätte mich hart getroffen, wenn ich mich nicht schon länger damit abgefunden hätte. Doch so ist sie nur eine Bestätigung. Eine Bestätigung, dass das Leben tatsächlich nur geschaffen wurde, um Leid zu schaffen. Eine Bestätigung meiner Gedanken. Und damit eine Bestätigung, die ich nicht brauche, nicht will. Ich versuche die Gedanken darüber zu verdrängen. Doch es geht nicht. Denn sie sind der Grund. Und diesmal trifft mich die Erkenntnis deutlich härter. Nicht weil sie schlimmer ist. Nicht weil sie stärker schmerzt. Sie ist der Schlüssel zu meinen Problemen. Denn jetzt weiß ich, dass es die Gedanken sind. Gedanken, die ich nicht verdrängen kann, die immer wieder kommen, die hervorgerufen werden durch – ja, durch was…

Hervorgerufen durch die Umstände.

Ich rufe sie an. Doch wie lange es auch klingelt, sie geht nicht ran. Kein freudiges “Hallo” begrüßt mich. Wie auch, sie ist ja nicht da. Und das genau jetzt, wo ich sie so sehr brauchen würde. Und wieder erhebt sich die Frage in mir: wieso tut sie das?

Will sie mir damit wehtun? Ist auf dem Grund ihres Herzens auch nur eine schwarze Seele, getarnt durch eine freundliche, herzliche Art? Ich lenke mich ab, doch egal, was ich mache, der Gedanke kommt immer wieder. Sie will mir nur wehtun. Sie will nur meinen Schmerz.

Ein Gedanke folgt dem anderen, es ist fast schon eine wilde Jagd. Und so bin ich wieder gefangen in diesem Teufelskreis. Er zieht mich immer tiefer bis ich nichts mehr sehe. Um mich nur schwarz. Nur Stille. Nur die Jagd.

Und dann nichts. Leere. Kein schwarz, keine Stille. Nur absolute Leere. Kein Gedanke. Die totale Leere. So ungefähr muss es wohl in meiner Seele aussehen. Ohnmacht.

Ich wache auf und die Eindrücke prasseln regelrecht wie ein Wasserfall auf mich ein. Und ich weiß, sie ist da. Ich öffne die Augen und sehe sie. Sie blickt traurig zurück. “Schon wieder”, sagt sie. “Schon wieder.”

Ich nicke. Und bin den Tränen nah. Doch es sind Tränen der Erleichterung. Denn sie ist die Erlösung.

Ich kann nicht sagen, ob sie das weiß. Ob sie weiß, dass sie für mich wie eine Erlösung ist. Immer wenn sie bei mir ist, spüre ich dieses Gefühl. Ein Gefühl der Geborgenheit, der Sicherheit. Doch das ist nicht alles, noch nicht einmal das wichtigste. In ihrer Gegenwart wird mir leicht um mein schwarzes Herz, ich kann die Freude spüren, die von ihr ausgeht. Und auch wenn diese mich nur selten mitreißt, so berührt sie mich doch und zeigt mir: du kannst noch fühlen.

Und jetzt fühle ich die Hoffnung, die in mir aufsteigt. Deutlicher als sonst. Und anders als sonst verschwindet sie nicht gleich wieder. Sie bleibt. Wenigstens die Hoffnung bleibt.

Und so will ich nun viel Zeit mit ihr verbringen. Hand in Hand gehen wir durch die Innenstadt und vielleicht zum ersten Mal fühle ich mich dabei gut.

Denn ich brauche keine Liebe. Hoffnung ist es, die hilft.




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