Einträge tagged ‘Leben

28
Okt
09

Noch müde blinzelst du aus dem Fenster. Es ist dunkel. Leicht ruckelnd fährt die U-Bahn ihren Weg. Monoton wie eh und je dringt das Geräusch der Räder kaum noch in deine Ohren. Dein Blick ist leer. Doch hinter deiner Stirn toben die Gedanken und jagen sich in einem wahnsinnigen Teufelskreis selbst. Doch man erkennt es nicht. Wie jeden Morgen sitzt du nur dort, den Blick starr aus dem Fenster gerichtet. Noch im Halbschlaf. Und doch nicht zu müde, um nicht zu denken. Und es ist wie jedes Mal weder angenehm, noch irgendwie besonders. Genau genommen sind auch die Gedanken nur leere Hüllen. Und dann schaust du auf. Und du siehst auch nichts anderes. Nur leere Hüllen. Alle müde, so wie du. Alle sonst wo mit ihren Gedanken, so wie du. Und alles kaputte Gestalten. Oder die meisten.

Die Bahn wird langsamer und hält. Ein alter Mann steigt ein. Er setzt sich zu dir. Und schaut dich an. Sein Blick durchdringt dich und blickt dir bis auf den Boden der Seele. Er sieht alles, und du merkst das. Dann lächelt er. “Steh auf!” Sagt er. Und dann geht er wieder.

17
Okt
09

Perfektion

Es gibt diese ganz speziellen Leute. Bei ihnen muss alles perfekt sein, um überhaupt gut genug zu sein. Und dabei sind nicht Dinge gemeint, die sie kaufen oder geschenkt bekommen oder sonst wie erwerben. Es geht eher um das was sie selber tun, um ihr eigenes Handeln. Und ich muss sagen, Perfektion hat durchaus ihren Reiz. Sie ist oft edel, geschmack- und stilvoll, ansprechend, aber vor allem eben ohne den noch so geringsten Makel. Sie passt genau auf Leute, die ihr Leben auf einen gewissen Standard setzen, von vornherein – und zwar über den Durchschnitt. Sie passt perfekt zu den Leuten, die immer alles im Leben planen. Jede noch so kleine Sache verläuft nach Plan. Dafür sind ihre Träume und Ziele meist auch etwas realer, sie stehen meist mit Beiden Beinen auf dem Boden, sind realitätsnah. Man mag es auch durchaus als vorteilhaft sehen, da man so seine Ziele auch erreichen kann.

Doch, frage ich euch, was ist, wenn man sein Ziel erreicht hat? Ist danach das Leben nicht etwas leerer als zuvor? Denn die Anstrengungen, das eigene Ziel zu erreichen machen doch einen Teil des Lebens aus. Es ist doch besser, sein ganzes Leben auf ein Ziel hinzuarbeiten, auch wenn man es nicht erreicht und vielleicht sogar enttäuscht stirbt, als nach der Hälfte seines Lebens plötzlich ziellos zu sein, weil das Ziel, was man sich gesteckt hat zu gering war. Und genau dort findet man das, was diese Menschen ausmacht: es geht in ihrem Leben nicht um das Leben sondern nur um Ergebnisse. Es geht um Erfolg, Ansehen, nicht darum, dass man Spaß am Leben hat, sondern dass man etwas erreicht in seinem Leben. Und es geht um Perfektion. Was man schafft hat nur Wert, wenn es zumindest einen Hauch von Perfektion ausstrahlt.

Dabei ist Perfektion so steril. So statisch. So charakterlos. Ein kleiner Makel macht einen Gegenstand häufig zu etwas besonderem, zu einem Unikat. Perfektion dagegen macht einen Gegenstand durchschnittlich, er hebt sich nicht mehr von den anderen ab. Perfektion ist Masse. Perfektion ist Dekadenz. Perfektion ist normal. Genau wie die Pläne dieser Perfektionisten. Sie nehmen dem Leben das letzte bisschen Zufall. Sie machen das Leben statisch. Aber wie schön ist denn der Zufall? Immer wieder für eine Überraschung gut! Streut ein bisschen Chaos, ihr werdet es nicht bereuen. Seht mich an. Wie beschreibt es der Joker? “I’m a dog chasing cars – I wouldn’t even know what to do if I caught one!”

08
Okt
09

Ist es Hoffnung, die wir brauchen?

Sie lacht. Ein helles, klingendes Lachen. Warum ist sie immer so fröhlich? Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich sie noch nie traurig gesehen habe. Warum kann ich nicht froh sein? Warum lache ich nur, wenn anderen Leid geschieht? Wie kommt es, dass selbst mit dieser fröhlichen Person in meiner Nähe diese schwarze Wolke meine Stimmung drückt? Was war es, was meine Gedanken immer wieder in diese eine Richtung lenkte? Die Richtung, die Gedanken nicht einschlagen sollten?

Sie lächelt und streicht mir sanft mit der Hand über die Wange. Eine zärtliche Berührung, lieb gemeint, ein Zeichen der Zuneigung, welche in diesem Moment jedoch brennt wie Feuer. Ich zucke zurück. Sie zieht ihre Hand weg und sieht mich verwirrt an.

“‘tschuldige”, flüstere ich. “Es – ist nicht wegen dir…”

Ich spüre eine Träne, wie sie leicht über mein Gesicht läuft. Sie wischt sie weg. Und sie lächelt. Und dann, völlig unerwartet, lacht sie wieder.

“Wieso lachst du?”

“Du freust mich!” Sie lächelt, doch wird wieder ernst. “Und um dich aufzuheitern.”

Ich fange an leise zu lächeln. Ich kann es noch. Und mit dem Lächeln kommt die Hoffnung. Hoffnung, aus diesem verdammten Teufelskreis auszubrechen, in dem ich gefangen bin. Mich selbst gefangen halte. Ausbrechen, mit ihr.

Wir sehen uns in die Augen. Einen kurzen Moment, der mir so ewig vorkommt, sehen wir uns an. Und dann kommt der Schmerz. Er zerstört die Hoffnung. Und mit ihm kommt Leid, Dunkelheit, Ohnmacht.

Das Erwachen ist grausam. Keine Schmerzen, nur Leere. Keine Gefühle, nur Schwäche. Keine Sinne. Nur Gedanken. Gedanken, aus denen früher oder später wieder Depressionen entstehen würden. Gedanken, die einen um die Vernunft bringen. Gedanken, die niemand je haben sollte. Meine Gedanken.

Viele nennen mich ein Wrack. Zerlöchert und kaputt. Manche haben Mitleid. Sie nennt mich interessant und unwiderstehlich. Doch sie liegen falsch. Alle. Denn tatsächlich bin ich nur gezeichnet. Gezeichnet von den Umständen.

Ich kämpfe wieder. Kämpfe mit der Ohnmacht, dem großen, schwarzen Sog, der mich unerbittlich anzieht. Ich kämpfe mit dem Tod. Wie lange werde ich noch die Kraft dazu haben? Wie lange werde ich mich noch festhalten und wieder hochziehen können? Ich kann es nicht sagen. Ich kann nicht sehen. Nur verschwommen. Langsam denke ich klarer, die Gefühle kehren zurück, der Schmerz. Egal. Was ist mit ihr geschehen? Wo ist sie? Warum ist sie nicht bei mir? Geht es ihr gut? Ich muss sie sehen.

Sie geht nicht ran. Und sie wird es auch nie. Das monotone Tuten des Telefons lässt meine Gedanken abschweifen. Ich habe eine weitere meiner Ohnmachten überstanden. Doch sie hat sich nicht mehr gemeldet. Geht nicht ans Telefon. Sie ist aus meinem Leben verschwunden. Wie sie es alle tun. Ich bin wieder allein.

Dann ihre Stimme. Sie sagt es tut ihr Leid, sie würde mich gern sehen. Ich glaube ihr. Vielleicht ist sie doch anders, als die anderen – und doch so gleich. Also werde ich sie treffen. Werde wieder einmal einen Versuch unternehmen. Einen Versuch, aus meiner eigenen, grausamen Welt, in der ich mich selber fest halte, auszubrechen. Und ich werde es nie schaffen. Und sie – wird das nie verstehen. Doch wenn man an seinem Leben nichts mehr findet, hält einen nichts.

Viele sagen, der Schmerz ist eine Art Blitzableiter. Man lässt seine Aggressionen heraus. Schwachsinn. Wenn die Klinge, glänzend und scharf, langsam ins Fleisch eindringt und dabei die Nerven zum zerreißen bringt, ist das vielmehr ein Beweis – der Beweis, dass man in dieser Welt noch besteht. Wenn auch nur als Wrack.

Ich versuche es ihr zu erklären. Sie fängt an zu weinen.

“Warum weinst du?”

“Es ist so traurig, wie kaputt das Leben einen so wunderbaren Menschen machen kann.”

Sie sagt, ich sei wunderbar. Und wieder beginne ich zu hoffen. Und dann weine auch ich. Sie nimmt mich in den Arm, legt meinen Kopf an ihre Brust. Es tut gut. Es tut gut, wenn man wieder anfängt, zu empfinden.

“Was war es? Was hat dich so traurig gemacht?”

Ich kann es ihr nicht sagen. Zu grausam. Zu verletzend. Vielleicht auch zu intim. Und da kommen sie wieder. Gedanken, die ich nicht haben will. An die ich jetzt wieder denken muss.

“Ich kann es dir nicht sagen.”

“Du willst nicht. Aber ich will dir helfen. Du musst ausbrechen. Sonst gehst du ein.”

Eingegangen, das war ich schon. Ein Wrack eben, also doch. Doch vielleicht kann sie mir wirklich helfen. Sie legt mir ihren Arm um die Schulter und sieht mich von der Seite an, ohne dass ich irgendetwas empfinde. Ich sehe sie an. Und da fängt sie wieder an zu weinen.

Ich habe Angst. Und ich sage es ihr. Ich habe Angst davor, dass sie mich lieben könnte, Angst vor den Folgen. Es könnte mein Tod sein. Oder meine Rettung. Doch der Weg dorthin wäre zu schmerzlich. Nicht zu ertragen.

Sie sagt, sie hätte auch Angst. Davor, dass ich sie nicht lieben könnte. Ironie des Lebens.

Doch meine Hoffnung steigt. Vielleicht kann ich mit ihr tatsächlich aus meiner Welt, aus mir, ausbrechen.

Und wir gehen. Gemeinsam. Diesmal ohne Ohnmacht. Vielleicht ein Fortschritt. Vielleicht kommt sie auch noch.

Sie blieb aus. Doch ich bin wieder allein. Sie hat keine Zeit, hat sie gesagt. Geht shoppen. Shoppen. Eine Eigenheit der Frauen, die ich nie verstehen werde. Wie kann man Spaß daran haben, sich in eine Masse aus Armen und Beinen, in den Gestank von Schweiß zu stürzen? Wie kann man überhaupt Spaß haben? Am Leben? Ich habe es vergessen.

Ich rufe sie an. Sie geht ran. Doch das Telefonat hat nicht die gewünschte Stimmung. Wir sind gereizt, sagen nicht viel. Und so bleibt dieses Telefonat zurück wie der schlechte Nachgeschmack eines Essens. Oder der einer Ohnmacht. Die folgenden Stunden sind noch schlimmer als die davor. Ständig drängt sie sich in meine Gedanken. Alles was ich mache wird von ihr begleitet. Also rufe ich sie nochmal an. Sage ihr, ich will sie sehen. Doch sie hat wieder keine Zeit. Will sie es nicht? Was ist los mit ihr? Doch es bleibt dabei. Langsam sinke ich zurück, enttäuscht, traurig. Alles was bleibt ist die Frage: wieso tut sie das?

Doch wir sehen uns wieder. Und wieder fragt sie. Wie so oft. Doch wie soll ich es ihr sagen? Wie kann ich es ihr sagen? Wie kann ich, wenn ich es selbst nicht weiß? Ich kenne den Grund nicht. Und ich will ihn nicht kennen. Wieder leben, das will ich. Ausbrechen, aus mir, es endlich schaffen. Mit ihr. Durch sie.

Ich sage es ihr nicht. Ich kann es nicht. Sie schaut mich an. Tief in die Augen schaut sie mir, als ob sie etwas sucht. Wird sie es finden? Wird sie den Grund finden?

Und wieder sind sie da. Die Gedanken. Die Gedanken an die Umstände. Doch sie sind es nicht. Weder die Gedanken, noch die Umstände. Sie sind nicht der Grund. Nur der Auslöser.

“Gehn wir schwimmen?” Sie reißt mich aus meinen Gedanken, zurück in die Wirklichkeit.

“Schwimmen??”

Sie schaut mich traurig an. “Du musst stark bleiben.” Dann lächelt sie wieder. Und küsst mich. Ganz sanft ist die Berührung. Und wider Erwarten brennt sie nicht. Sie tut gut. Sie macht die Glut meiner Hoffnung zu einer kleinen Flamme. Wie so oft.

Ist es das? Ist es Liebe, die ich brauche? Kann ein Wrack fühlen? Braucht ein gefühlsloser Mensch Liebe? Wofür? Wenn man unempfindlich gegenüber Gefühlen ist, kann dann die Liebe diese Schranke brechen? Oder ist sie selbst nur ein Gefühl? Brauche ich Liebe? Oder den Tod?

Ich denke darüber nach, doch diesmal sind es nicht die Gedanken, die mich festhalten. Ich halte die Gedanken fest. Denn sie sind anders. Heller. Diesmal kein Schmerz. Kein Leid. Kein Trübsal. Einfach nur Gedanken.

Doch es nutzt nichts. Kaum bin ich allein, kommen sie wieder. Gedanken, die nicht einfach nur Gedanken sind. Sie ist wieder weg und mit der Langeweile kommen sie wieder aus ihren Verstecken. Was bedeutet Leben? Ist es ein Scherz, den Gott sich erlaubt hat, um Menschen zu quälen, nur weil er Sadist ist? Oder hat das Leben tatsächlich einen Sinn? Ist die Seele eines Menschen nicht einfach so in einen Körper gesperrt? Doch wozu, wenn nicht, um ihr Schmerz beizubringen?

All das geht in meinem Kopf um. Und es wird nie enden. Die Erkenntnis hätte mich hart getroffen, wenn ich mich nicht schon länger damit abgefunden hätte. Doch so ist sie nur eine Bestätigung. Eine Bestätigung, dass das Leben tatsächlich nur geschaffen wurde, um Leid zu schaffen. Eine Bestätigung meiner Gedanken. Und damit eine Bestätigung, die ich nicht brauche, nicht will. Ich versuche die Gedanken darüber zu verdrängen. Doch es geht nicht. Denn sie sind der Grund. Und diesmal trifft mich die Erkenntnis deutlich härter. Nicht weil sie schlimmer ist. Nicht weil sie stärker schmerzt. Sie ist der Schlüssel zu meinen Problemen. Denn jetzt weiß ich, dass es die Gedanken sind. Gedanken, die ich nicht verdrängen kann, die immer wieder kommen, die hervorgerufen werden durch – ja, durch was…

Hervorgerufen durch die Umstände.

Ich rufe sie an. Doch wie lange es auch klingelt, sie geht nicht ran. Kein freudiges “Hallo” begrüßt mich. Wie auch, sie ist ja nicht da. Und das genau jetzt, wo ich sie so sehr brauchen würde. Und wieder erhebt sich die Frage in mir: wieso tut sie das?

Will sie mir damit wehtun? Ist auf dem Grund ihres Herzens auch nur eine schwarze Seele, getarnt durch eine freundliche, herzliche Art? Ich lenke mich ab, doch egal, was ich mache, der Gedanke kommt immer wieder. Sie will mir nur wehtun. Sie will nur meinen Schmerz.

Ein Gedanke folgt dem anderen, es ist fast schon eine wilde Jagd. Und so bin ich wieder gefangen in diesem Teufelskreis. Er zieht mich immer tiefer bis ich nichts mehr sehe. Um mich nur schwarz. Nur Stille. Nur die Jagd.

Und dann nichts. Leere. Kein schwarz, keine Stille. Nur absolute Leere. Kein Gedanke. Die totale Leere. So ungefähr muss es wohl in meiner Seele aussehen. Ohnmacht.

Ich wache auf und die Eindrücke prasseln regelrecht wie ein Wasserfall auf mich ein. Und ich weiß, sie ist da. Ich öffne die Augen und sehe sie. Sie blickt traurig zurück. “Schon wieder”, sagt sie. “Schon wieder.”

Ich nicke. Und bin den Tränen nah. Doch es sind Tränen der Erleichterung. Denn sie ist die Erlösung.

Ich kann nicht sagen, ob sie das weiß. Ob sie weiß, dass sie für mich wie eine Erlösung ist. Immer wenn sie bei mir ist, spüre ich dieses Gefühl. Ein Gefühl der Geborgenheit, der Sicherheit. Doch das ist nicht alles, noch nicht einmal das wichtigste. In ihrer Gegenwart wird mir leicht um mein schwarzes Herz, ich kann die Freude spüren, die von ihr ausgeht. Und auch wenn diese mich nur selten mitreißt, so berührt sie mich doch und zeigt mir: du kannst noch fühlen.

Und jetzt fühle ich die Hoffnung, die in mir aufsteigt. Deutlicher als sonst. Und anders als sonst verschwindet sie nicht gleich wieder. Sie bleibt. Wenigstens die Hoffnung bleibt.

Und so will ich nun viel Zeit mit ihr verbringen. Hand in Hand gehen wir durch die Innenstadt und vielleicht zum ersten Mal fühle ich mich dabei gut.

Denn ich brauche keine Liebe. Hoffnung ist es, die hilft.




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